Genuss in der Natur

Eine kulinarische Entdeckungsreise durch die norditalienische Provinz Piacenza

Wohin in Italien, wenn der Urlaub naht? Viele favorisieren die beliebten Regionen um den Gardasee, die Toskana, Städte wie Rom, Neapel oder Venedig. Aber es gibt auch Alternativen, so die norditalienische Region Emilia-Romagna, genauer gesagt die Provinz Piacenza mit ihrem Eingangstor dahin – Bobbio. Eine fantastische Gegend, ein Geheimtipp.

Die Teufelsbrücke in Bobbio: überspannt den Fluss Trebbia mit 11 ungleichen Bögen

Wir fahren genau dort hin. An unserer Seite Reiseleiter Riccardo Lagorio. Er arbeitet als freier Journalist und Autor im Lebensmittel und Tourismusbereich. Bobbio ist vor allem durch die sogenannte Teufelsbrücke bekannt. Mit einer Länge von 280 Metern überspannt sie den Fluss Trebbia, mit elf ungleichen Bögen. Der Sage nach wurde die Brücke vom Teufel gebaut, um die Mönche des Klosters San Colombano zu erschrecken. Sie wollte man daran hindern, den Fluss zu überqueren. Das historische Zentrum von Bobbio mit seinen 3500 Einwohnern ist geprägt von engen, gepflasterten Gassen und alten Gebäuden. Der Bürgermeister, Roberto Pasquali, empfängt uns am Markt, auf dem gerade das St. John’s Festival, ein Volksfest mit landwirtschaftlichen Produkten und buntem Markttreiben, stattfindet. Stolz erzählt er uns, dass seine Gemeinde 2019 vom italienischen Fernsehen (Rai 3) als schönstes Dorf Italiens gekürt wurde. Trotzdem geht es hier immer noch eher ruhig zu, sind Touristenströme nicht zu befürchten. Während eines opulenten Mittagessens mit dem Bürgermeister erhalten wir einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Tagen erwartet: vielfältige regionale Produkte in Bio-Qualität, frisch und köstlich.

Blick auf das Kloster San Colombano in Bobbio.

Gestärkt geht es mit unserem Kleinbus weiter, vorbei an malerischer Landschaft, über Berg und Tal. In knapp 1.000 Metern Höhe erreichen wir unser Ziel – den kleinen Ort Zerba. Hier verbringen wir unsere erste Nacht. Bevor wir dort angelangt sind, halten wir an mehreren Stationen, um uns mit der Schönheit dieses Landstrichs vertraut zu machen. So besuchen wir beispielsweise den Abenteuerpark Valtrebbia. Hier können Familien mit ihren Kindern inmitten eines Pinienwaldes verschiedene Kletterrouten bewältigen. Unser nächster Halt führt uns zu Silvia Lupi, eine junge Bäuerin. In dritter Generation hält sie auf ihrem Hof Kühe und Schweine, vermarktet die daraus entstehenden Produkte. Auf ihrer Farm wird noch die seltene, vom Aussterben bedrohte, ottonische Rindersorte gezüchtet. Wir probieren Salami und Schinken von Schweinen aus eigener Haltung, dazu Wein und Käse aus eigener Produktion.

Sylvia Luca züchtet auf ihrer Farm auch die seltene Rasse der ottonischen Kühe.
Volksmusik auf der Piffero und dem Akkordeon.

In unserem Hotel in Zerba angekommen, spüren wir, wie tief die Einheimischen mit ihrer traditionellen Musik verbunden sind. Junge Künstler spielen auf der Piffero und dem Akkordeon norditalienische Volksmusik. Die Piffero ist ein Doppelrohrblasinstrument, ein Abkömmling der mittelalterlichen Schalmei.

Traditionelles italienisches Gebäck, serviert mit Salami und Brotvarianten.

Am nächsten Morgen geht es rauf in die Berge mit Riccardo. Sicher lenkt er den Kleinbus Richtung Ottone. Hier besuchen wir die kleine Bäckerei der Familie Traverso. In einer ehemaligen Mühle werden hier nach alten Regeln Canestrelli gebacken, eine Art italienischer Keks. Nur aus regionalen Zutaten wird das leckere Gebäck hergestellt und bunt verpackt in mehrere Erdteile versandt.

Einen längeren Halt legen wir in Ferriere ein. Seinen Namen verdankt der Ort den ehemaligen Eisenerzminen aus vergangenen Zeiten. Bürgermeisterin Carlotta Oppizzi, hauptberuflich als Juristin tätig, führt uns durch ihre kleine Gemeinde und in das nahe gelegene Naturreservat am Ufer des Moo-Sees. Mitten in wilder Natur liegt das heute zum größten Teil ausgetrocknete Gewässer. Hier erlebt der Besucher unverfälschte Natur mit wertvollen Umweltaspekten. Bis zur Corona-Epidemie veranstaltete die Gemeinde Kulturveranstaltungen und Festivals, alles unter strengen Regeln des Ökotourismus. Wir haben die große Ehre und das Vergnügen, in diesem Paradies zu picknicken, natürlich mit regionalen Produkten wie Salami, Käse, Brot und Wein.

Natur pur: das Gebiet um den Moo – See.

Wer in der Region riesige Hotels erwartet, wird enttäuscht sein. Für uns fügen sich die kleinen, privaten Quartiere gut in die Natur ein. Wir übernachten in einem B&B (Bed & Breakfast) Hotel, komfortabel und sauber, eine preiswerte Variante für einen längeren Aufenthalt in dieser Gegend.

Für unseren nächsten Besuch halten wir bei Paolo auf der Poncolo Bosco Farm. Gemeinsam mit seinem Partner bewirtschaftet er mitten im Wald eine Lavendelfarm sowie einen Garten mit Bio-Gemüse und Kräutern.

Auf seiner Lavendelfarm benötigt Paolo ca. 700 Pflanzen zur Herstellung von einem Liter kostbarem Öl.


Rund 6000 Setzlinge hegen und pflegen die Farmer zur Produktion ätherischer Öle sowie weiterer Naturprodukte. Ihr Wohnhaus, ein antikes Steinhaus, strahlt nach langwieriger Restauration in altem Glanz. Im nächsten Familienbetrieb, mitten im Herzen des Apennins von Piacenza, im Val Nure, befindet sich die biologische Bienenfarm von Luca Modolo und seinen Eltern. Ihre Bienen sammeln den Nektar zwischen Tal und Bergen, auf 300 bis 1200 Metern über dem Meeresspiegel. In der Imkerei entsteht ein rein biologischer Honig, der bereits zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten hat.

Luca und seine Mutter beim Leeren der Bienenwaben.
Familie Gaiaschi keltert bereits in dritter Generation.

Natürlich ist Italien für seinen Wein berühmt, und so gehört zu unserer Landpartie auch eine Stippvisite im Weingut Gaiaschi. Bereits in dritter Generation keltert die Winzerfamilie im Val Tidone, dem westlichsten der Viacenta-Täler. Aus der Zusammenlegung von zwei kleinen Bauerhöfen in den frühen 30er Jahren entstand ein modernes Weingut. Heute betreiben Gabriele und Monica einen 35 Hektar großen Bauernhof, zu dem fünf Weinberge gehören. Jährlich verlassen mehr als 120.00 Flaschen den Betrieb. Alle Weine sind für ihre regionale Herkunft zertifiziert und konnten bereits etliche internationale Preise erringen. In entspannter und familiärer Atmosphäre können Besucher unterschiedlichste Weine probieren.

Heute beherbergt die ehemalige Mühle ein
Museum und Appartements.

Den letzten Abend verbringen wir in der einstigen Mühle „Mulino Lentino“, ein Überbleibsel aus mittelalterlicher Zeit. In besonderem, faszinierenden Stil restauriert, besitzt es heute neben vier Appartements ein kleines Museum. Das Kleinod ist zugleich ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen in die Umgebung des Tidone-Tals und zum Besichtigen imposanter Burgen und Festungen.

Einfach nur erfrischend: ein Glas Milch und Joghurt in vielen Geschmacksvarianten probieren zu dürfen.

Bevor uns Ricardo zum Flugplatz in Milano (Mailand) bringt, halten wir noch bei Thomas Manfredi. 2017 erhielt er für sein bio-zertifiziertes Unternehmen eine Sonderauszeichnung für seine erfolgreiche Berglandwirtschaft. Aus der frischen Milch seiner über 500 Kühe produziert er neben Frischkäse auch Natur- und Fruchtjoghurt.

Ob Salami, Pancetta oder Coppa, alles wird aus regionalem Schweinefleisch hergestellt.

Obwohl die Zeit bis zu unserem Abflug nach Berlin schnell vergeht, gibt es noch einen kurzen, letzten Halt in der Wurstfabrik von Familie Grossetti. Ihre ersten Dokumente, die mit ihrem Unternehmen in Verbindung stehen, stammen von 1875, mit der Werkstatt von Pietro Grossetti in Pianello Val Tidone. Aber Erinnerungen und mündliche Zeugnisse reichen noch weiter zurück. Heute ist diese Fabrik bekannt durch seine Produkte Pancetta, Salami und Coppa. Das Probieren fällt aus Zeitgründen aus, deshalb schnell noch eine Spezialität des Hauses gekauft, und schon geht es weiter zum Flughafen.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen gastfreundlichen Aufenthalt in Italien, ohne überschwänglichen Touristenbetrieb. Wer Lust hat, sich in freier Natur und an reiner Luft auf eine kulinarische und geschichtliche Entdeckungsreise zu begeben, ist in der norditalienischen Provinz Piacenza gut aufgehoben.

Die Recherchereise wurde unterstützt durch die „Comune di Alta Val Titone“

www.comunealtavaltidone.pc.it/hh/index.php